Hormonblockade – die Endokrine Therapie
Vor über hundert Jahren hat der englische Arzt George Beatson erstmals erkannt, daß die Unterbindung der Hormonproduktion bei Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflussen kann. Seit damals gilt die Hormonblockade durch Entfernung der Eierstöcke bei geschlechtsreifen Frauen als eine wirksame Therapie gegen Brustkrebs. Glücklicherweise stehen uns inzwischen sehr viel weniger radikale Methoden zur Verfügung, und die Hemmung der Geschlechtshormonproduktion kann auch durch die Einnahme von Tabletten oder durch das Verabreichen einer monatlichen Spritze erreicht werden. Eine Voraussetzung muß ein bösartiger Brusttumor allerdings mitbringen um für eine antihormonelle Therapie in Frage zu kommen: Er muß in seinen Zellen Hormonrezeptoren aufweisen. Hormonrezeptoren binden die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron und regen Tumorzellen zur Vermehrung an. Wenn es gelingt die Wirkung von Hormonrezeptoren auszuschalten, dann wird auch das Wachstum eines Krebses wirksam gehemmt. Es gibt heute im Prinzip zwei Möglichkeiten dies zu erreichen: man kann entweder die Herstellung von Geschlechtshormonen in den Eierstöcken und im Tumorgewebe hemmen, oder man kann verhindern daß ein Hormon an seinen Rezeptor bindet.
Tamoxifen blockiert Hormonrezeptoren
Tamoxifen wurde vor mehr als 40 Jahren erstmals bei Patientinnen mit Brustkrebs eingesetzt und hat sich aufgrund seines Erfolges in der Behandlung von Brustkrebs zu dem wichtigsten Krebsmedikament überhaupt entwickelt. Es ist auch unter dem Namen Nolvadex im Handel. Tamoxifen bindet an den Östrogenrezeptor und blockiert ihn fast komplett. Das Medikament kann nach einer Krebsoperation eingenommen werden um eventuell zurückgebliebene Tumorzellen am Wachstum zu hemmen, es kann aber auch vor einer Operation verabreicht werden um einen Tumor zum Schrumpfen zu bringen und ihn dadurch leichter zu operieren. Schließlich scheint Tamoxifen sogar vorbeugend gegen Brustkrebs zu wirken.
GnRH Analoga hemmen die Eierstöcke
Was Beatson einst durch die operative Entfernung von Eierstöcken erzielt hat, kann heute genauso wirksam auch durch eine monatliche Spritze mit GnRH Analoga erreicht werden, nämlich die Hemmung der Hormonproduktion in den Eierstöcken. Während der Geschlechtsreife werden Östrogen und Progesteron hauptsächlich in den Eierstöcken hergestellt. GnRH Analoga sind künstlich hergestellte Eiweißmoleküle, die übergeordnete Zentren in Gehirn und Hirnanhangdrüse ausschalten und dadurch die Eierstöcke geradezu „austrocknen“. Im Gegensatz zur operativen Entfernung der Eierstöcke haben GnRH Analoga auch noch einen weiteren Vorteil: Ihre hemmende Wirkung ist auf die Dauer der Therapie beschränkt, und wenn das Medikament abgesetzt wird, so bleibt besonders bei jüngeren Frauen die Fruchtbarkeit zumeist erhalten.
Aromatasehemmer stoppen die Östrogenproduktion im Wechsel
Während des Wechsels stellen die Eierstöcke die Östrogenproduktion ein, weibliche Geschlechtshormone werden allerdings weiterhin in Muskel-, Fett- und Tumorgewebe produziert. Ein Enzym mit den Namen Aromatase spielt dabei eine Schlüsselrolle. Hemmstoffe der Aromatase, auch Aromatasehemmer oder Aromataseinhibitoren genannt, können aber auch diese Hormonquelle zum Versiegen bringen. Aromataseinhibitoren sind äußerst wirksam und nur mit geringen Nebenwirkungen belastet. Sie haben Tamoxifen inzwischen bei der Behandlung von frühen als auch von fortgeschrittenem Formen von Brustkrebs weitgehend abgelöst. Sie werden bislang jedoch nur bei Frauen nach dem Wechsel eingesetzt.
Antikörperbehandlung: Maßgeschneiderte Krebstherapie
Bei der Bekämpfung von Brustkrebs war die Gabe von Chemotherapie lange Zeit die einzige Möglichkeit, bereits in andere Körperteile ausgewanderte Tumorzellen abzutöten. Da Chemotherapien nicht zwischen gesunden und bösartigen Zellen unterscheiden können, ist diese Art der Therapie mit einer Reihe von Nebenwirkungen belastet. In den letzten Jahren sind jedoch neue Medikamente - sogenannte tumorspezifische Antikörper - entwickelt worden, die Krebszellen bei Vorhandensein von bestimmten Eigenschaften auf der Tumorzelloberfläche gezielt angreifen können.
Bei der Behandlung von bestimmten Formen von Brustkrebs gilt die Chemotherapie immer noch als Standardbehandlung. Allerdings werden Chemotherapien heute immer häufiger in Kombination mit einem Antikörper verabreicht, der bestimmte Eigenschaften auf der Oberfläche von Tumorzellen erkennt. Diese Therapie ist jedoch nur dann wirksam wenn genügend Oberflächenmerkmale vorhanden sind, und das ist in etwa 20-30% der neu entdeckten bösartigen Tumoren der Fall. Der Antikörper, der den Namen Herceptin® trägt, ist insgesamt sehr gut verträglich und hat sich in großen Untersuchungen als äußerst wirkungsvoll erwiesen. In Kombination mit bestimmten Chemotherapien verringert er die Wahscheinlichkeit des Wiederauftretens eine Brustkrebses im Frühstadium deutlich, und auch beim fortgeschrittenen Brustkrebs kommt es zu einem verbesserten Therapieerfolg im Vergleich zu einer alleinigen Chemotherapie. Herceptin wird als Infusion verabreicht und wird gewöhnlich in wöchentlichen oder dreiwöchentlichen Abständen gegeben.
Der große Erfolg von Herceptin hat die Entwicklung von weiteren Antikörpertherapien beflügelt, und einen grundlegenden Wandel in der Therapie des Brustkrebses eingeleitet. Es ist schon heute absehbar daß in naher Zukunft zielgerichtete Therapien die bisher üblichen festgelegten Therapieschemata grundlegend verändern werden. Neue Behandlungskonzepte, die der individuellen Situation einer Patientin und den Eigenschaften des Tumors besser entsprechen, werden die bislang verwendeten standardisierten Chemotherapien ersetzen. Damit wird die Brustkrebs-Therapie der Zukunft zwar aufwendiger und teurer, aber dafür auch deutlich nebenwirkungsärmer und wirksamer als dies heute der Fall ist.
